Die hanbalitische Fiqh-Schule
Die kleinste der vier Schulen, mit dem stärksten Gewicht auf der Überlieferung.
Die hanbalitische Schule geht auf Ahmad ibn Hanbal zurück, der von 780 bis 855 in Bagdad lebte. Sie ist die kleinste der vier sunnitischen Schulen und stützt sich unter ihnen am stärksten auf die Überlieferung.
Woher der Name kommt
Benannt ist sie nach Ahmad ibn Hanbal, der zunächst vor allem als Sammler von Hadithen bekannt war. Sein Musnad gehört zu den umfangreichsten Sammlungen überhaupt und ordnet die Berichte nach den Gefährten, die sie überliefert haben, nicht nach Sachgebieten.
Er selbst hat es abgelehnt, dass seine Ansichten aufgeschrieben und zu einem System gemacht werden. Als Schule geordnet wurde seine Lehre erst von späteren Generationen.
Wie die Schule entstand
Keine Schule ist an einem Tag gegründet worden, und keine trägt ihren Namen, weil ihr Namensgeber sie so genannt hätte. Die Reihenfolge war umgekehrt: Ein Gelehrter unterrichtete, seine Schüler schrieben mit, ordneten die Urteile und arbeiteten die Regeln heraus, nach denen er entschieden hatte.
Deshalb gab es zunächst Dutzende solcher Kreise, und nur vier haben überdauert. Sufyan ath-Thauri und al-Auzaʿi etwa waren angesehene Gelehrte, aber ihnen fehlte, was eine Schule im praktischen Sinn ausmacht: Schüler, die die Urteile festhielten und die Positionen über Generationen verteidigten. Ibn Radschab hat es so erklärt, dass die übrigen Schulen weder weit bekannt noch genau dokumentiert waren, sodass ihnen später Aussagen zugeschrieben wurden, die sie nie gemacht hatten.
Bei den Hanbaliten haben das zunächst seine Söhne und Schüler geleistet und später Gelehrte wie Ibn Qudama, dessen Werk al-Mughni die Schule geordnet und zugleich die Auffassungen der anderen Schulen mitverhandelt hat.
Woran man die Methode erkennt
Der Grundzug ist eine Zurückhaltung gegenüber dem eigenen Schluss:
- Beleg vor Ableitung. Wo ein Bericht vorliegt, wird ihm gefolgt, auch wenn er nur schwach überliefert ist. Erst wenn gar nichts vorliegt, wird abgeleitet.
- Aussagen der Gefährten wiegen schwer. Wo sich unter ihnen keine Gegenstimme findet, gilt eine solche Aussage als tragfähig.
- Bei Verträgen ist erlaubt, was nicht untersagt ist. Aus diesem Grundsatz folgt eine Eigenheit, die viele überrascht.
Im Bereich der Gottesdienste gilt die Schule nämlich als zurückhaltend, im Bereich der Verträge und Geschäfte dagegen als die weiteste der vier. Das macht sie für Fragen des Wirtschaftslebens anschlussfähig, und einige Erörterungen zu islamischer Finanzierung greifen bis heute darauf zurück.
Wo sie verbreitet ist
Vor allem auf der Arabischen Halbinsel, in Saudi-Arabien, Katar und Teilen der Emirate. In Deutschland ist sie die seltenste der vier.
Nicht zu verwechseln mit
Der Person Ahmad ibn Hanbals in ihrer Rolle als Hadithgelehrter. Seine Sammlung und die nach ihm benannte Schule sind zwei verschiedene Dinge und zeitlich versetzt entstanden.
Häufige Fragen
Ist die Schule strenger als die anderen? Bei den Gottesdiensten gilt sie als zurückhaltend, bei Verträgen und Geschäften als die weiteste der vier.
Gibt es hanbalitische Gemeinden in Deutschland? Sehr wenige. Die meisten Gemeinden hier folgen der hanafitischen oder der schafiitischen Auslegung.
Warum ist sie die kleinste? Sie entstand später als die übrigen und hatte lange kein Reich hinter sich, das sie als Verwaltungsrecht übernahm.
Quellen
- Zur Bezeichnung: „Fiqh-Schulen" nicht „Rechtsschulen", Islamologisches Institut.
- Zur Entstehung und zum Verhältnis von Usul und Furuʿ: Emad Hamdeh, What is a Madhhab, Yaqeen Institute, 2020.
- Warum gerade diese vier: Faraz Rabbani, Why Are There Four Schools of Islamic Law, SeekersGuidance.
Verwandte Begriffe: Fiqh-Schulen, Fiqh, Hadith.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.